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Ein Ende in Minne: Zürich will die Rudolf-Brun-Brücke nicht umbenennen – aber an ein Massaker an Juden erinnern

Ein Ende in Minne: Zürich will die Rudolf-Brun-Brücke nicht umbenennen – aber an ein Massaker an Juden erinnern

Wie eine verfahrene Debatte einen unwahrscheinlichen Kompromiss hervorbrachte.

Eine Frau-Minne-Brücke gibt es in Zürich nicht – und es wird sie so bald auch nicht geben. An die jüdische Geschäftsfrau aus der mittelalterlichen Altstadt, ein Symbol für die lange jüdische Geschichte der Stadt, wird nicht mit einer Umbenennung erinnert. Das hat der Gemeinderat am Mittwoch entschieden. 

Die Limmatbrücke zwischen Urania-Parkhaus und Zentralbibliothek wird weiterhin wie schon seit siebzig Jahren nach Rudolf Brun benannt sein. Jenem Zürcher Bürgermeister, in dessen Amtszeit das wohl grausamste Pogrom fällt, das in der Stadt an Juden begangen wurde.

Die Alternative Liste (AL) hatte eine Umbenennung gefordert – am Ende wurde sie überdeutlich mit 103 zu 9 Stimmen abgelehnt. Und doch war an dieser Debatte über historische Schuld und Aufarbeitung etwas anders als sonst. Vor allem dank den jüdischen Stimmen im Gemeinderat wurde aus einem potenziell fruchtlosen politischen Hickhack eine Chance für die städtische Erinnerungskultur.

Die Judenverbrennung von 1349

Um den Zürcher Brückenstreit zu verstehen, muss man ins Jahr 1349 zurückblicken. Die Pest wütet damals in Europa, Tausende sterben – und jüdische Mitmenschen werden vielerorts zum Sündenbock für die Katastrophe gemacht. Der damals ausgeprägte Antijudaismus führt dazu, dass Jüdinnen und Juden an den Rand der mittelalterlichen Gesellschaft gedrängt werden. Aus anderen Städten ist bekannt, dass die Obrigkeiten den Hass zum Teil gezielt schürten.

In Zürich soll sich gemäss der Stadtchronik Folgendes zugetragen haben: «Im Jahr 1349 nach Gottes Geburt, am Vorabend von Sankt-Matthias, verbrannte man die Juden, weil man sagte, sie hätten Gift in die Brunnen getan.»

Wen das «man» hinter der Judenverbrennung genau umfasst, bleibt unklar. Sicher ist: Auf einen Schlag wird ein Grossteil der jüdischen Gemeinschaft der Stadt ausgelöscht oder vertrieben.

Das zeigt sich auch im Nachgang des Vorfalls: Alle Schulden bei Juden werden von den Behörden für nichtig und sämtlicher jüdischer Besitz zum Eigentum der Stadtbürger erklärt. In der Kommission, die Letzteres beschliesst, sitzt auch Bürgermeister Rudolf Brun.

Dieser kauft 1350, also kurz nach dem Pogrom, zudem günstig eine Liegenschaft, die mutmasslich Juden gehört hat. Es soll sich um ein Haus an der Froschaugasse handeln – jener Gasse, in der die Geldverleiherin Frau Minne wohnte. Trotz dem Kauf bleibt Bruns genaue Rolle im Pogrom unklar: Hat er Hass geschürt und danach ein gutes Geschäft gemacht? Oder hat er das Ganze missbilligt und danach einen normalen Immobilienkauf getätigt? 

Die Quellen lassen keine eindeutigen Schlüsse zu. Es ist wie so oft in der Geschichte: Wir wissen viel – aber nicht immer das, worauf wir heute am drängendsten Antworten suchen. Klar ist: Brun war damals ein mächtiger Mann – ein regelrechter Stadt-Tyrann. Und verhindert hat er das Pogrom nicht. Es fand statt und kostete Dutzende von Zürcherinnen und Zürchern das Leben. Klar ist allerdings auch: Hinter dem Massaker und der darauffolgenden Enteignung steckte nicht ein Einzelner, sondern eine ganze Gemeinschaft.

Der unwahrscheinliche Kompromiss

Wie soll Zürich heute mit diesem historischen Erbe umgehen?

Darum drehte sich die Debatte im Stadtparlament. Im Vorfeld war zu befürchten, dass Zürich dem in solchen Fragen mittlerweile bekannten Muster folgen würde: Die einen erklären eine längst verstorbene historische Figur zum Bösewicht – die anderen regen sich über angebliche Bilderstürmer und Cancel-Culture auf.

Doch es kam anders. Walter Angst (AL) betonte, es gehe seiner Partei nicht darum, Brun zu «verleugnen» oder seine Spuren in Zürich zu tilgen. Es gehe darum, «dass wir nochmals bekennen, dass Zürich auch eine jüdische Stadt ist und dass wir in Minne und Eintracht mit der jüdischen Community zusammenleben».

Diesem Bekenntnis – sowie der Notwendigkeit, an das Pogrom von 1349 zu erinnern – schlossen sich sämtliche Parteien an. Jehuda Spielman (FDP) meinte: «Es ist eine wunderschöne Idee und wäre ein schönes Symbol, mehr jüdische Namen in der Stadt zu sehen.» 

Doch die Umbenennung der Rudolf-Brun-Brücke sei dazu der falsche Schritt. Deshalb hatte Spielman zusammen mit den Grünen einen Kompromiss formuliert, den im Grundsatz auch SP und GLP befürworteten. Statt der Namensänderung sollte die Brücke zum Erinnerungsort werden.

Bruns schillernde Rolle in der Stadtgeschichte solle dort ebenso thematisiert werden wie die Judenverbrennung – und zwar nicht mit einem «langweiligen Text», sondern «attraktiv und interaktiv». Die Namen von Frau Minne und ihrem Sohn, dem Rabbiner Moses ben Menachem, sollten derweil für künftige Benennungen vorgemerkt werden. Sie hätten einen weniger belasteten Ort verdient.

An das Unangenehme erinnern

Diesem geradezu salomonischen Kompromiss folgte eine Reihe differenzierter und überlegter Voten. Mit einer simplen Umbenennung mache man es sich zu einfach, hiess es etwa von der SP. Zürich solle sich lieber stärker mit der Geschichte seiner jüdischen Gemeinschaft auseinandersetzen. Und Ronny Siev (GLP) sagte: «Die Leute sollen die Geschichte kennen. Nur wenn wir uns an das Unangenehme erinnern, können wir die Zukunft richtig gestalten.» 

Vollends erfolgreich war der Kompromiss am Ende nicht: Da die AL ihr Postulat nicht abändern wollte, blieb es formell bei einer reinen Ablehnung. Doch das Stadtparlament zeigte, dass es in grosser Mehrheit offen ist für eine stärkere Sichtbarmachung der jüdischen Geschichte – und für einen kritischen Blick auf Rudolf Brun, nach dem auch weiterhin eine der wichtigsten Brücken der Stadt benannt sein wird.

Gemeinderat Spielman, eine Stimme der jüdischen Gemeinschaft im Stadtparlament, zeigt sich auf Anfrage denn auch zufrieden mit dem Resultat. Die seit Jahren geführte Debatte über die Umbenennung der Rudolf-Brun-Brücke habe die Erinnerung an das Pogrom von 1349 wachgerüttelt. Nun sei es an der Stadt, auf der Brücke vertiefter daran zu erinnern.

«Diese Geschichte zeigt nämlich, dass Jüdinnen und Juden schon lange zu Zürich gehören», sagt Spielman. «Das herauszustreichen, ist auch heute wichtig für den Kampf gegen Judenhass.»

Bei der Stadt Zürich zeigt man sich nach der gestrigen Debatte offen für den Vorschlag aus dem Parlament. Man wolle eine Vor-Ort-Kontextualisierung der Rudolf-Brun-Brücke prüfen, heisst es auf Anfrage der NZZ. Der Stadtrat teile den Wunsch, die jüdische Geschichte der Stadt sichtbarer zu machen.

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