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Der Balanceakt des Jehuda Spielman

Der Balanceakt des Jehuda Spielman

In Wiedikon kandidiert seit Jahren wieder ein orthodoxer Jude für das Zürcher Stadtparlament. Als orthodoxer Jude führt er ein konservatives Leben. Gleichzeitig setzt er sich für eine liberale Gesellschaft ein: der Balanceakt des Jehuda Spielman

Der Mann auf der Plakatwand hat kurze, rötliche Haare und ein sympathisches Lächeln. Auf seinem Kopf trägt er eine Kippa, und unter seinem Antlitz prangt der Schriftzug: «Jüdisch. Vorurteil hier einfügen.»

Jehuda Spielman, 26 Jahre alt, ist in einer jüdisch-orthodoxen Familie in Zürich Wiedikon aufgewachsen. Er hat jüdische Schulen besucht, religiöse Philosophie studiert und eine Jüdin geheiratet. Seit vier Jahren arbeitet er als Immobilienverwalter. Sein Chef ist ebenfalls jüdisch.

Aber Jehuda Spielman ist auch in der FDP. Im Februar will er für sie ins Stadtparlament gewählt werden. Ein strenggläubiger Jude bei den Liberalen – das wirkt wie ein Widerspruch. Spielman selbst sieht es so: «Ich bin liberal, weil ich zwar persönlich ein konservatives Leben lebe, aber nicht erwarte, dass andere konservativ leben müssen.»

Spielman möchte zwischen den Kulturen vermitteln, eine Ansprechperson für beide Seiten sein. Ein «sichtbarer Jude», wie er selber sagt, an den sich die Nichtjuden wenden können, wenn sie Verständnisprobleme mit den jüdischen Nachbarn haben oder mehr über die orthodoxe Lebensweise erfahren wollen. Darum thematisiert er seine Glaubensrichtung im Wahlkampf auch so offen.

Kann das gelingen: Teil der konservativen Religionsgemeinschaft zu bleiben und zugleich in Zürich als Liberaler die Stadt mitgestalten zu wollen? Für wen politisiert man dann? Und was für ein Mensch ist Spielman, wenn man die Vorurteile für einmal vergisst?

 

 «Ich bin liberal, weil ich zwar persönlich ein konservatives Leben lebe, aber nicht erwarte, dass andere konservativ leben müssen.»

Zürcher, kein Israeli

Wir haben uns zum Spaziergang durch Wiedikon verabredet. Es schneit, der Üetliberg liegt in dichtem Nebel, und Spielman hat die Kapuze seiner Jacke über den Kopf und seine Kippa gezogen. Mit der kleinen runden Mütze wird er regelmässig für einen Israeli, zumindest für einen Secondo gehalten. «Ich bin Schweizer, meine Familie mütterlicherseits lebt in vierter Generation in Wiedikon, aber in den Köpfen vieler Leute ist das halt nicht so.»

Etwa 6000 Juden leben in Zürich, ungefähr ein Drittel von ihnen im Kreis 3. Mit ihren Schläfenlocken und Perücken fallen die Orthodoxen auf der Strasse auf. Doch sie bleiben oft unter sich, Einblick in die Gemeinschaft erhält man als Aussenstehender kaum. Von vielen wird die orthodoxe Gemeinschaft als Parallelgesellschaft empfunden und nicht unbedingt verstanden. Spielman formuliert es so: «Die Leute haben kein Problem damit, dass jemand mit einem Pelzhut durch die Strasse geht, aber sie wollen wissen, wieso er das macht.»

Spielman ist in dieser religiösen Welt aufgewachsen. Seine Kindheit hat er mit sechs älteren und sechs jüngeren Geschwistern an der Manessestrasse verbracht – in der Häuserzeile, die als Kulisse für den Film «Wolkenbruch» gedient hat. Anders als der gleichnamige Protagonist, der sich in eine Nichtjüdin, eine Schickse, verliebt, habe er nie ausbrechen wollen, sagt Spielman. «In eine Disco zu gehen, ist moralisch nicht von hohem Wert für die Gesellschaft», sagt er. «Ich hatte nie das Gefühl, etwas zu verpassen.»

Vielleicht liegt das daran, dass Spielman seine Welt nie verlassen hat. Sein Umfeld ist mehrheitlich jüdisch-orthodox. Als Kind sei er ruhig gewesen, ein Durchschnittsschüler, schlecht in Sport, aber mathematisch begabt. Mit 17 Jahren zog er für sein religiöses Studium nach England, später nach Israel. In England lernte er seine Frau kennen. Sie heirateten jung, bekamen einen Sohn, der heute drei Jahre alt ist.

Sein Glaube steht über allem. Spielman betet dreimal am Tag, abends geht er für eine Stunde in die Synagoge an der Erikastrasse, wo er einen festen Platz gemietet hat. Am Sabbat bleibt sein Smartphone aus. Vor seiner Kandidatur habe er der Parteileitung gesagt, dass er an Samstagen nicht da sei – weder für eine Budgetdebatte noch für Standaktionen. «Die Partei nimmt mich so, wie ich bin», sagt er.

Trotzdem, Spielman möchte nicht auf seine Religion reduziert werden. Er sagt, jüdisch zu sein und Zürcher zu sein, das schliesse sich nicht aus. Er schwärmt vom Üetliberg und ärgert sich über schlecht markierte Velowege. Er leiht seine Bücher in der Pestalozzibibliothek aus und spielt im Sommer mit seinen Freunden Federball auf der Kollerwiese. An religiösen Feiertagen kommen in seinem Elternhaus Rösti und Bratwurst auf den Tisch. Im Vergleich zu manch anderen Orthodoxen sei seine Familie weltlicher, moderner. Mit seiner Mutter spricht er Schweizerdeutsch und mit dem Vater, einem Engländer, Englisch. Nur fluchen, das tue er manchmal auf Jiddisch.

Die FDP-Kantonsrätin und Stadtratskandidatin Sonja Rueff-Frenkel ist ebenfalls jüdischen Glaubens. Im Gegensatz zu Spielman thematisiert sie ihre Religionszugehörigkeit im Wahlkampf kaum. Spielmans Kandidatur sieht sie aber als Chance, um Vorurteile abzubauen, wie sie sagt. Dass es solche immer noch gibt, hat Rueff-Frenkel diese Woche selbst erfahren. In den Tamedia-Zeitungen erschien ein Artikel über sie, in dem antisemitische Klischees bedient wurden. Das räumte die Redaktion später ein und bat um Entschuldigung.

Aus einer politischen Familie

Spielman stammt aus einer politischen Familie. Sein Ururgrossvater Tobias Lewenstein war zwischen 1912 und 1940 Oberrabbiner von Zürich und setzte sich vor den Vereinten Nationen für die Anliegen der Nichtzionisten ein. Seine Urgrossmutter Eva Lewenstein gründete 1934 das Hochalpine Jüdische Kinderheim in Celerina und nahm dort während des Holocaust Flüchtlinge aus Deutschland auf. Es war sein Urgrossonkel Alex Lewenstein, der die jüdisch-orthodoxe Mädchenschule in Zürich gegründet hat. Und dessen Bruder Meir David Lewenstein war Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung Israels und sass später im ersten israelischen Parlament.

Spielman selbst ist unpolitisch aufgewachsen. «Politik war bei uns zu Hause absolut nie ein Thema.» Das sei in vielen orthodoxen Familien so. Mit seiner Kandidatur hofft er, einige neue Wähler an die Urne zu locken.

Spielman wurde durch die Wahl von Barack Obama politisiert. Damals war er 13 Jahre alt. In seinem Bücherregal stehen heute die Autobiografien von einem Dutzend amerikanischen Präsidenten und alle Bücher, die Obama geschrieben hat. Die Ikone der Linken wurde für den bürgerlichen Juden zum Vorbild. «Dass die Mehrheit der Amerikaner ihn gewählt hat, gab mir damals das Gefühl, dass in dieser Welt vieles machbar ist, dass die meisten Menschen keine Rassisten sind.»

Seit der Pandemie haben Holocaust-Relativierungen und antisemitische Verschwörungstheorien neuen Auftrieb erhalten. Die Firma APG, die auch in Zürich Werbeflächen betreibt, hat von Spielmans Wahlplakaten von der Druckerei zusätzliche Exemplare erhalten, für den Fall, dass die Werbung verunstaltet werden sollte. Mittlerweile hängen die Plakate seit einigen Wochen. Passiert ist nichts. «Ich hatte nie Angst», sagt Spielman. «Zürich ist für Juden sehr sicher.»

Sicherheitsprobleme ortet er woanders, nämlich, sehr zürcherisch, auf dem Veloweg. Wir stehen vor der Unterführung der Manessestrasse, und Spielman deutet auf die rot-weissen Umlaufgitter, die die Fahrbahn für Velofahrer blockieren. Vor einigen Jahren wurde er hier auf dem Arbeitsweg von einem Velo angefahren und fing sich blaue Flecken ein. Spielman schrieb der Stadt einen Brief und schilderte die Verkehrsführung am Unfallort. Innert Jahresfrist passte die Stadt die Signalisation an und baute die Gitter ein.

In seiner Stimme schwingt Stolz mit, wenn er sagt: «Wenn man Probleme sachlich angeht, kann man auf kommunaler Ebene relativ schnell etwas bewegen.» Der ideologische Richtungsstreit um die Zukunft der Stadt stört ihn. Im Rat will er sich für eine praktische Verkehrsplanung und ein attraktives Naherholungsgebiet einsetzen. «Ich will auch nicht auf einer Autobahn wohnen», sagt er, «aber jetzt für die nächsten fünfzig Jahre vorzuschreiben, wo genau ein Parkplatz ist und wer ein Auto haben darf, ist unnötig.»

Mit seinen Positionen in der Verkehrspolitik passt Spielman gut in die FDP. Auch in gesellschaftspolitischen Fragen, wie zur Gleichstellung von Mann und Frau, gibt er sich liberal. «Ich würde meiner Frau nie sagen, was sie zu tragen oder zu tun hat.» Entgegen dem Vorurteil würden die meisten jüdisch-orthodoxen Frauen in Zürich arbeiten. «Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, sollte gewisse Interessen ausserhalb der Familie ausleben können.» Doch eine Frau habe auch das Recht, sich für ein Leben als Hausfrau und «Familienmanagerin» zu entscheiden.

An der FDP gefällt ihm, dass sie sich nicht zu moralischen Fragen äussert. Sich für eine liberale Gesellschaft einsetzen, aber selbst ein konservatives Leben führen: Spielmans Kandidatur ist ein Balanceakt. Das wird deutlich, wenn er über Themen wie die Drogenliberalisierung spricht. «Wenn Erwachsene Cannabis konsumieren möchten, sollte das möglich sein», sagt er und fügt zugleich an: «Bei meinem Sohn würde ich keine Drogen akzeptieren.»

Kein Religions-Lobbyist

Und andererseits: Man muss nicht homosexuell sein, um sich für die gleichgeschlechtliche Ehe starkzumachen, oder Auto fahren, um gegen Parkplatzabbau zu kämpfen. Ist Spielmans Religion für andere vielleicht ein grösseres Thema als für ihn selbst?

Mischa Morgenbesser sass von 2003 bis 2008 als erster orthodoxer Jude im Zürcher Gemeinderat. Dass es für ihn zu Gewissenskonflikten in Bezug auf seine Religion und die politischen Positionen seiner Partei, der FDP, gekommen sei, habe er äusserst selten erlebt. Und wenn er doch einmal Unbehagen verspürt habe, dann sei er eben zurückhaltender aufgetreten, als Teil der Fraktion. Er sagt: «Meine Religion war im Rat nie ein Thema.»

Mit seiner Kandidatur will Spielman nicht aus seiner Gemeinschaft ausbrechen. Im Gemeinderat will er kein Religions-Lobbyist sein.

Dass seine Glaubensgemeinschaft derzeit in keinem Schweizer Parlament vertreten ist, sieht er aber als Problem. Wer den orthodoxen Juden fehlende Integration vorwerfe, habe oft falsche Erwartungen und erwarte Assimilation. Spielman fragt: «Ist man erst dann integriert, wenn man keinen Pelzhut mehr trägt?» Entscheidend sei es doch, sich mit dem Land zu identifizieren, keine Gefahr für andere zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Letzteres will er mit seiner Kandidatur tun.

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