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Der rasante Aufstieg des Jehuda Spielman

Der rasante Aufstieg des Jehuda Spielman

Unter den neugewählten Gemeinderäten der Stadt Zürich vom letzten Wochenende sticht ein Kopf aus dem Kreis 3 hervor.

Unter den neugewählten Gemeinderäten der Stadt Zürich vom letzten Wochenende sticht ein Kopf aus dem Kreis 3 hervor: Jehuda Spielman, ein zurückhaltend lächelnder junger Mann mit Kippa auf dem rötlichen Haar. Er hat am Wochenende geschafft, was niemand im Quartier für möglich gehalten hätte: fast im Alleingang über 2'600 Stimmen mobilisiert, vom Listenfüller Platz 13 der FDP-Liste auf Platz 1 emporgeschossen, die beiden bisherigen Spitzenkandidaten – Juristin Mélissa Dufournet und IT-Unternehmer Flurin Capaul – locker überholt. Und sich damit als Newcomer in den Gemeinderat katapultiert. Als «Sensation» bezeichnet «watson» diesen Erfolg. Und der «Tagesanzeiger» spricht von einem «Senkrechtstarter», mit dem die Zürcher Politik vielfältiger werde (Artikel).

Am meisten überrascht zeigt sich Spielmans Partei, hatte der ungewöhnliche Kandidat doch dem Freisinn im Kreis 3 einen Stimmenzuwachs von fast 50 Prozent und damit einen dritten Sitz beschert. Die Auswertung der Wahldaten zeigt nun, dass fast 600 Wähler eine FDP-Liste mit nur zwei Namen (Jehuda Spielman) eingelegt haben. «Es sind neue jüdische Wähler, die teils erstmals zur Wahl gingen», sagt der Neu-Parlamentarier. Er habe fast jedes Mitglied seiner orthodoxen Gemeinde angeschrieben und dort an Diskussionen teilgenommen. Geholfen habe ihm auch, dass er Wahlkampfauftritte mit seinen jüdischen Parteifreunden Sonja Rueff-Frenkel und Anthony Goldstein bestreiten konnte.

Im persönlichen Kontakt entpuppt sich Jehuda Spielman als Wundertüte. Erst 26-jährig, bereits verheiratet und Vater eines dreijährigen Sohnes, arbeitet er seit vier Jahren als Immobilienverwalter im Kreis 3. Er ist in einer jüdisch-orthodoxen Familie am Manesseplatz aufgewachsen. Hier wo auch die wunderbare Geschichte von Motti Wolkenbruch im Film von Michael Steiner spielt. Mehr dazu hier. «Na ja, schön gemacht, aber den Film kann man nicht als bare Münze nehmen», sagt Jehuda dazu. Seine Glaubensgemeinschaft könne mit dem Milieu-Film wenig anfangen, «vieles ist überzeichnet, klischéehaft.»
 
Auch wenn Spielmans Welt vielen fremd scheinen mag, bezeichnet er sich zu recht als «Urwiediker». Auch seine Mutter, seine Grossmutter und die Urgrossmutter haben in Wiedikon gewohnt, sagt er stolz. Sein Ururgrossvater war einer der ersten Juden, der sich in den 1870er Jahren in Zürich eingebürgert hat. Als Jehuda letztes Jahr in den Quartierverein eintrat, sagte er: «Ich verstehe mich als Brückenbauer» – er wolle vermitteln zwischen der jüdischen und der nicht-jüdischen Bevölkerung im Quartier, zwischen konservativ lebenden und progressiven Menschen. Es sei für ihn kein Widerspruch, tief religiös zu sein, konservative Rituale und Alltagsbräuche zu pflegen und gleichzeitig gegenüber anderen Lebensformen tolerant zu sein. Er wäre auch bereit, zusammen mit dem Quartierverein eine Führung durch das jüdische Wiedikon zu konzipieren.

«Viele orthodoxe Juden fühlen sich im politischen Prozess fehl am Platz», ist Jehuda im weiteren überzeugt, ihnen wolle er zeigen, dass sich aktives Mitmachen lohne. Anderseits trauten sich Andersgläubige oder Konfessionslose oft nicht, auf orthodoxe Juden zuzugehen. Auf seinen Wahlplakaten stand: «Ihre Freiheiten. Mein Anliegen.» Deshalb fühle er sich den Jungfreisinnigen verbunden, denen er 2018 beigetreten ist.

In Zürich leben rund 6'000 Juden, ein Drittel davon im Kreis 3. Die meisten zählen zu einer liberalen Gemeinschaft und sind äusserlich kaum erkennbar. Mit ihnen hat sich das weltoffene Zürich längst angefreundet. Anders verhält es sich mit den orthodoxen Gläubigen, die mit ihren Haarlocken, Perücken oder durch ihre Kleidung auffallen. Zu ihnen zählt auch Jehuda Spielman. Nach der Wahl vom Sonntag ist er noch immer überwältigt. Er habe Hunderte von E-Mails, SMS, Anrufe und andere Mitteilungen erhalten. Auch Blumensträusse von ihm unbekannten Personen. Die «Neue Zürcher Zeitung» veröffentlichte vor den Wahlen eine grössere Reportage über ihn. Dort wurde seine Kandidatur als «Balanceakt» bezeichnet: sich für eine liberale Gesellschaft einsetzen, aber selbst ein konservatives Leben führen. Lesen Sie hier das Porträt von Linda Koponen. Dass Wiedikon divers ist, hat das Quartier längst bewiesen. Nach dem Wahlsonntag scheint auch der Balanceakt von Jehuda Spielman gelungen zu sein.

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