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Eine unsichtbare Grenze um Wiedikon

Eine unsichtbare Grenze um Wiedikon

Wie sich die jüdische Gemeinschaft in Zürich mit 500 Meter Nylonfaden ein symbolisches Zuhause abstecken will. Orthodoxe Juden dürfen am Sabbat nicht arbeiten. Ein sogenannter Eruv soll mehr Freiheiten ermöglichen.

Cédric und Naomi Bollag haben ein Problem. Sie würden am Samstag gerne mit dem Kinderwagen einen Spaziergang machen. Doch ihr Glaube verbietet es ihnen. Am Sabbat dürfen orthodoxe Jüdinnen und Juden ausserhalb ihres Zuhauses keine Gegenstände tragen oder bewegen. Sie dürfen keinen Kinderwagen schieben, keine Schlüssel oder Medikamente bei sich haben, keinen Rollstuhl bedienen.

«Wir haben realisiert: Das ist für viele in unserer Gemeinschaft ein Problem», sagt Cédric Bollag. «Und wir wollten dazu beitragen, es zu lösen.»

Vor gut zwei Jahren hat er dafür ein Projekt in die Wege geleitet. Heute steht die Lösung kurz vor der Vollendung. Sie beinhaltet viele dünne Nylonfäden, eine ganze Reihe von Baubewilligungen und eine kreative Umdeutung von gut 18 Kilometern Mäuerchen und Zäunen in der ganzen Stadt.

Und: Die Lösung soll für nicht eingeweihte Zürcherinnen und Zürcher unsichtbar sein.

Vorbilder  London und New York

Man soll möglichst wenig sehen von der unsichtbaren Grenze, die für orthodoxe Jüdinnen und Juden aus drei Stadtquartieren ein symbolisches Zuhause macht – einen Raum also, in dem Kinderwagen geschoben, Rollstühle bewegt und Schlüssel getragen werden dürfen.

Dieser Raum ist ein sogenannter Eruv, und die Idee dahinter ist so simpel wie überraschend: Wenn eine durchgehende Grenze um ein Wohngebiet gezogen werden kann, dann gilt sie für Orthodoxe nicht mehr als Aussenraum, sondern als erweitertes Zuhause.

Der Eruv kann dabei entlang bestehender Mäuerchen, Zäune und Stromleitungen verlaufen. Allfällige Lücken werden mit durchsichtigem Nylonfaden geschlossen. International kennen diverse Städte wie New York oder London das Konzept. Auch in Basel ist ein Eruv in Planung.

Der Orthodoxe Startup-Mann

Der Zürcher Eruv-Initiator Cédric Bollag ist 32, von Beruf Startup-Investor und spricht auch genau so über sein Projekt. Er betont dessen «positiven Impact», erzählt vom «Community-Gedanken» dahinter und seinem kundenorientierten Vorgehen bei der Ausarbeitung. «Dieses Projekt ist das, was die jüdische Gemeinschaft gegenwärtig braucht.»

Der Eruv wird denn auch von sämtlichen jüdischen Gemeinden der Stadt unterstützt – auch von den liberalen. Er soll in Gänze aus privater Hand finanziert werden und, so betont es der Initiator Bollag, sauber ins Stadtbild passen. Es ist nicht das Ziel aufzufallen.

Im Idealfall, so erklärt Bollag, könnten in den entsprechenden Quartieren am Samstag einfach die orthodoxen Familien etwas leichter und entspannter unterwegs sein.

18 Kilometer lang ist die symbolische Grenze nach derzeitiger Planung. Sie umfasst die Quartiere Wiedikon, Enge und Wollishofen, wo besonders viele Orthodoxe zu Hause sind.

Der Eruv wird denn auch von sämtlichen jüdischen Gemeinden der Stadt unterstützt – auch von den liberalen. Er soll in Gänze aus privater Hand finanziert werden und, so betont es der Initiator Bollag, sauber ins Stadtbild passen. Es ist nicht das Ziel aufzufallen.

Im Idealfall, so erklärt Bollag, könnten in den entsprechenden Quartieren am Samstag einfach die orthodoxen Familien etwas leichter und entspannter unterwegs sein.

18 Kilometer lang ist die symbolische Grenze nach derzeitiger Planung. Sie umfasst die Quartiere Wiedikon, Enge und Wollishofen, wo besonders viele Orthodoxe zu Hause sind.

Wer nicht weiss, dass dieser Faden zum Eruv gehört, wird ihn wahrscheinlich nicht einmal bemerken. Der beste Beweis dafür ist, dass es um die Zürcher Synagoge an der Freigutstrasse schon heute einen kleinen Eruv gibt. Seit Mitte der 1990er Jahre sind dort zwei Fäden in der Luft gespannt – von den allermeisten nicht bemerkt.

«Es bleibt öffentlicher Raum»

Das ist das Interessante und gleichzeitig das Eigentümliche an diesem Projekt: Bei den meisten religiösen Symbolen ist es die Idee, dass sie bemerkt werden und das Stadtbild prägen. Kirchtürme, Minarette oder auch Synagogen darf man von weitem sehen. Der Eruv ist dagegen unsichtbar. Er ist auch ein religiöses Symbol – aber eines ohne Aussenwirkung. Nur für die Angesprochenen ist er von Belang.

Das macht ihn auch für die Behörden speziell. Der Vorsteher des zuständigen Tiefbauamts, Stadtrat Richard Wolff (AL), spricht von einem «sehr speziellen Projekt», das für ihn städtebaulich ohne vergleichbares Vorbild ist. Die Eruv-Idee wurde dem Stadtrat schon vor gut zwei Jahren präsentiert, eine Vorprüfung hat behördenintern keine grundsätzlichen technischen Bedenken ergeben. Auch politisch ist die Stadtregierung dem Anliegen gegenüber aufgeschlossen.

«Wir wollen als Stadt offen sein für verschiedene religiöse Gruppen», sagt Wolff. «Und das darf sich auch im öffentlichen Raum ausdrücken.» Der Eruv habe zudem auf Nichtbetroffene so gut wie keinen Einfluss. «Für Jüdinnen und Juden hat das eine grosse symbolische und praktische Bedeutung. Für alle anderen bleibt es normaler öffentlicher Raum.»

Trotz positivem Vorentscheid steht die definitive Baubewilligung für den Eruv noch aus. An den gut hundert baulichen Massnahmen könnte es also noch Korrekturen geben – etwa wenn der Denkmalschutz tangiert ist. Deshalb möchten die Initiantinnen und Initianten den genauen Verlauf auch noch nicht bekanntgeben.

Ein typisch talmudischer Kniff

Doch weshalb genau ist diese symbolische Grenze überhaupt nötig? Die Frage geht an den neu gewählten Stadtparlamentarier Jehuda Spielman (FDP), der sich selbst als Vermittler zwischen der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft und der nichtjüdischen Bevölkerung bezeichnet.

«Der Eruv ist ein typischer talmudischer Kniff», sagt Spielman. Der Talmud – das für Orthodoxe massgebende Regelwerk – schreibt allerhand vor, das im 21. Jahrhundert nicht immer leicht umzusetzen ist. Deshalb braucht es manchmal ein wenig Kreativität, um die überlieferten Regeln einzuhalten – und gleichzeitig ein modernes Leben führen zu können. «Das mag, wie etwa bei den Nylonfäden, von aussen lächerlich wirken. Doch für uns hat es einen tieferen Sinn.»

Der heilige Sabbat, an dem draussen nichts bewegt und gehoben werden dürfe, sei ein Symbol, erklärt Spielman. «Sechs Tage die Woche sind wir kreativ und schöpferisch, doch am siebten sind wir es nicht. Damit anerkennen wir, dass es auch Dinge jenseits unserer Kontrolle gibt.» Dieses Ruhen ist symbolischer Natur – und so dürfen es auch die Ausnahmen davon sein. Konkret etwa: der Eruv.

«Eruv» ist Hebräisch und kommt vom Wort für «Vermischung» – es sind der private und der öffentliche Raum, die darin vermischt werden.

Eine Grenze, die verbindet

Der Eruv ist eine Grenze. Und Grenzen spalten und teilen normalerweise. Doch diese Grenze soll eine Öffnung ermöglichen, ein Vermischen von sonst getrennten Sphären. Und damit auch mehr Freiheit für jüdisch-orthodoxe Familien, die sich am Sabbat im öffentlichen Raum bewegen möchten.

«Es wäre schön, wenn man als Stadt so etwas ermöglicht», sagt der FDP-Gemeinderat Spielman, «vor allem auch, weil es die Öffentlichkeit nichts kosten und auch sonst in keiner Weise tangieren wird.» Widerstand erwartet er kaum. 

Und so wird Zürich möglicherweise schon bald ein Stück Stadt haben, in dem für die orthodoxe Gemeinschaft jeden Samstag das Private und das Öffentliche verschwimmen – und in dem Cédric und Naomi Bollag in Ruhe ihren Kinderwagen schieben können.

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